Geschichte


Die Geschichte des Anwesens „Büchler-Eck“

 

Im Gernsheimer Neubauviertel der Kaiserzeit, der „Krumm’ Allee“, wurde in dessen Mitte auf dem Eckgrundstück Victoria-Melita-Straße / Ernst-Ludwig-Straße 7 im Jahre 1903 von Adam Maul der Grundstein gelegt für ein Wohnhaus mit einem kleinen Bäckerladen und einem Nebengebäude mit Backstube und Gesellenwohnung für insgesamt 15.100 Goldmark.

Der aus dem badischen Ittlingen stammende Bäckermeister Johannes Büchler pachtete zuerst das Objekt, um es Monate später käuflich zu erwerben. Seine Frau Louise mit den Töchtern Erna und Frieda und Sohn Gustav zogen nach Gernsheim. Büchlers nannten ihre Gastwirtschaft nach ihrer alten Heimat „Badischer Hof“. Der Geschäftsbetrieb umfasste nun laut Gewerbeschein: „Brot-, Zwieback- und Feinbäckerei, Gastwirtschaft, Handel von Mehl, Gewürzen, Feuerwerkskörpern, Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Branntwein und Delikatessen. Darüber hinaus standen noch bis 1945 zwei Fremdenzimmer zur Verfügung, die hauptsächlich von Handlungsreisenden und neu hinzugezogenen Lehrern des „Realgymnasiums“ genutzt wurden. 1928 entstand die Gartenmauer in ihrer heutigen Form. 1931 kamen noch die Herstellung und der Verkauf von Speiseeis hinzu. Außerdem wurden ein Billiardtisch und ein elektrisches Klavier aufgestellt. Das Haus erhielt einen Fernsprechanschluss mit der Nummer 27.

Sohn Gustav hatte einen der ersten Führerscheine Gernsheims und war schon um 1930 stolzer Besitzer eines „Triumph“-Motorrades.

Seit etwa 1925 ist der „Badische Hof“ und später das „Büchler-Eck“ traditionell Kerbewirtschaft.

Am 1. August 1943 wurden vom Reichsmonopolamt die Tabaks- und Branntweinrationen auf Lebensmittelkarten stark eingeschränkt. Die Bierleitungen aus Kupfer wurden zu Kriegszwecken beschlagnahmt. Bis auf Granatsplittereinschläge beim Beschuss Gernsheims im März 1945 auf der Seite der Eleonorenstraße überstand das Haus den Krieg unversehrt.

Ab etwa 1950 übernahm Sohn Gustav die Geschäfte. Den Kolonialwarenladen erweiterte er noch um Samenhandel und Wurstwaren. 1947 wurde der alte Bäckerofen deutscher Art durch einen großen, modernen Dampfbackofen ersetzt, der heute noch existiert. Eine besondere Spezialität waren seine im Brotteig eingebackenen Würstchen.

Im November 1954 erhielt er die Gaststättenkonzession auf seinen Namen. Seine Frau Maria, die Tochter des Schmiedes und legendären Feuerwehrkommandanten Johann Valentin Egry, führte den „Tante-Emma-Laden“. Oft war daher der „Badische Hof“ quasi „Feuerwehrstützpunkt“. Zu den Gästen gehörte in den sechziger und siebziger Jahren auch die katholische Geistlichkeit. Gern erzählt wird die Anekdote, als Gymnasiasten ihrem Lehrer erklärten, eine „Bücher AG“ einrichten zu wollen. Es stellte sich später heraus, dass sie einfach das „l“ vergessen hatten!

Gustav Büchler war gleichzeitig Wirt und Pächter. Spät ins Bett kommen und früh morgens aufstehen passten nicht zusammen. Schweren Herzens gab er seine zuvor modernisierte Bäckerei 1960 auf.

Der „Badische Hof“ war eine stimmungsvolle Quartierkneipe: Frisch gezapfte Biere wie „Apostelbräu“ aus Worms, „Germania“ aus Wiesbaden und „Hildebrand“ aus Pfungstadt gehörten ebenso dazu, wie Soleier und Marias Hähnchen nach eigenem Geheimrezept.


1957 wurden die Gasträume und die Toilettenanlage im Stil der Fünfziger renoviert. Gustavs Späße mit seinen Gästen waren legendär: Eine sexy gekleidete Schaufensterpuppe aus dem „Gernsheimer Kaufhaus“ stand schon mal auf der Herrentoilette; viele Scherzartikel existieren noch heute, wie die Puppe mit originalem Minirock.

Der erste Gernsheimer Kreisverkehr existierte über zwanzig Jahre auf der Kreuzung Riedstraße / Wilhelm-Leuschner-Straße. Büchlers ganzer Stolz waren ihre Schäferhunde Asta I bis III, die sich alle nicht davon abbringen ließen, sich punktgenau in der Mitte des Kreuzungsbereichs hinzulegen. Lagen die Hunde einmal nicht dort, gab es häufig wegen der damaligen Vorfahrtregelung Unfalle, die oft an den Treppenstufen zum Kolonialwarenladen endeten. 1971 gewann die Lottogemeinschaft des „Badischen Hofs“ 5.000 DM! Für viele Gäste war der „Badische Hof“ zweites Wohnzimmer und manche „Stammtischler“ hörten auf
Spitznamen wie „Schublaad“, „Runderum“ und „Huschusch“.

1978 starb Maria Büchler und das Lebensmittelgeschäft wurde geschlossen. 1979 zog sich Gustav Büchler ganz aus dem Geschäft zurück. Daraufhin wurde die Gaststätte um den Kolonialwarenladen ausgedehnt, im rustikalen Stil neu eingerichtet und von der Patrizier-Brauerei unter Vertrag genommen. Die Gaststätte wurde umbenannt in „Büchler-Eck“ – erinnernd an den Namen, durch den sie bekannt geworden ist. Pächter aus Griechenland, Italien und auch echte Gernsheimer haben in den vergangenen 25 Jahren mit unterschiedlichem Erfolg die Gaststätte betrieben. 1985 wurde die neue Gartenwirtschaft eröffnet.

Nach Büchlers Tod 1989 wurde 1992 die Gründerzeitausstattung originalgetreu nachgebaut und die Haustechnik völlig erneuert. 2002 wurde die Fassade gemäß ihrem ursprünglichen Aussehen restauriert. Im Jahre 2005 wurde die Gartenwirtschaft technisch und stilistisch in Einklang gebracht mit dem Hauptgebäude. Die Pfungstädter Brauerei liefert ihr gutes Bier!

Noch ein paar Worte zum Schluss:

Das „Büchler-Eck“ mit seiner Baugeschichte und seinen kleinen Unzulänglichkeiten ist ein sympatischer Vertreter unseres Viertels. 100 Jahre Gaststättenbetrieb wurden begleitet von Weltkriegen, Geldentwertungen, Staatsbankrott und Weltwirtschaftskrise; - alles hat unsere kleine Gastwirtschaft immer irgendwie überlebt. Doch die Zeiten sind offen gesagt brutal! Viele gute Häuser, auch in Gernsheim, sind in den letzten Jahren für immer geschlossen worden. Steigende Kosten, Preisverfall und Konsumzurückhaltung bedrohen jeden Gastronomiebetrieb!

Die Wirtsleute und das Team rund ums „Büchler-Eck“ bemüht sich, dass die kleine Gastwirtschaft, der freundliche Nachbar und Mittelpunkt unseres Viertels eine Zukunft hat. Bei aller Traditionspflege will das „Büchler-Eck“ jung, spritzig und manchmal etwas verrückt sein. Kommen Sie und genießen es – und wir machen das Licht nicht aus!